seit 1993 in Bosnien und Herzegowina

Helfen, ja - aber wie und mit welcher Wirkung auf Menschen und Gesellschaften? Seit mehr als 25 Jahren setzt sich AMICA e.V. für Frauen und Frauenrechte in Krisenregionen sein. Mit Dokumentenanalysen, Befragungen, Interviews und Gruppenstzungen haben wir unsere Arbeit in Bosnien und Herzegowina unter die Lupen genommen und selbstkritisch untersucht.

25 Jahre AMICA – Partizipative Selbstevaluation psychosozialer Arbeit in Nachkriegsgebieten

Ärtzliche Beratung 1993-1996 (c)Archiv AMICA e.V.

Befragungsgruppe in Zvornik (c)Archiv AMICA e.V.

„Wenn wir uns heute auf der Straße begegnen, begrüßen wir uns, küssen uns“. Elma, die in Wirklichkeit anders heißt, lächelt, als wir sie fragen, wie sie sich heute fühlt, umgeben von anderen Frauen und Freundinnen, die wie sie mit den Langzeitfolgen des Krieges kämpfen: „AMICA ist für uns ein zweites Zuhause“. Vor 15 Jahren stieß Elma als Teilnehmerin zu unserem Projekt in Bosnien-Herzegowina. In Tuzla entstand im Jahr 1994 das erste Schutzhaus für vertrieben Frauen und Kinder. Im Laufe der letzten Monate haben wir mit Frauen wie Elma gesprochen, um mehr über die Wirkung unserer langjährigen Arbeit in dem Land herauszufinden.

Warum wir uns einsetzen – 25 Jahre AMICA in Bosnien-Herzegowina

Seit 1993 kooperiert AMICA in zwei Teilen des Landes mit Frauenorganisationen. Was vor 25 Jahren inmitten von Krieg und Verwüstung als humanitäre Nothilfe begann, entwickelte sich binnen weniger Jahre zu einem Modellprojekt der psychosozialen Arbeit. Von 1993 bis 2015 führten wir unter anderem in den Bereichen Nothilfe, therapeutische Arbeit, medizinische Versorgung, Rechtsberatung sowie berufliche Qualifizierung zahlreiche Projekte durch. Was diese Projekte bewirken – auf individueller Ebene, aber auch auf institutioneller und gesellschaftlicher Ebene – wollen wir mit dieser Evaluation durch Befragungen, zahlreiche Gruppensitzungen, Einzelgespräche und Interviews selbstkritisch hinterfragen.

Welche Kenntnisse und Fähigkeiten sind für Frauenorganisationen notwendig, die im Bereich der psychosozialen Beratung arbeiten, sowie für Frauen und Mädchen, die diese Unterstützung in Anspruch nehmen? Welche Angebote sind von besonderer Bedeutung, damit Frauen in einem Nachkriegsland nicht nur überleben können, sondern auch die Möglichkeiten erhalten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Wie gelingt es, dass sie Traumatisierungen bewältigen und aktiv zum Frieden und zur Versöhnung der Gesellschaft beitragen?

Wirkung psychosozialer Unterstützung in Kriegs-und Nachkriegsregionen

Die Frage nach der Wirkung psychosozialer Beratungsangebote für Frauen und Mädchen in Kriegs- und Nachkriegsländern lässt sich auch auf andere Regionen übertragen. Die Ergebnisse unserer Evaluation sind aus diesem Grund nicht nur für unsere eigene Arbeit als Lernerfahrung in weiteren Projektländern von hoher Bedeutung, sondern auch für andere Organisationen, die in ähnlichen Bereichen tätig sind.

Begonnen haben wir die Evaluation mit der Aufarbeitung unseres Archivs: 25 Jahre psychosoziale Arbeit in einem Kriegs- und Nachkriegsgebiet haben auch hier in Freiburg eine wertvolle Sammlung an persönlichen Briefen, Zeichnungen, Fotos, Dokumenten und Lebensgeschichten hinterlassen. Die Archivierung dieser historisch bedeutenden Zeitzeugen-Berichte bildet den Grundstein für das Evaluationsprojekt.

Im weiteren Verlauf befragten Mitarbeiterinnen unserer Partnerorganisation in Bosnien-Herzegowina über Monate hinweg rund 100 Frauen aus Tuzla und nahe gelegenen Dörfern anhand eines von uns entwickelten Fragebogens. Eine kleinere Gruppe von ausgewählten Frauen befragten wir anschließend eingehender. Fühlen sich die Frauen ihrer Gemeinschaft zugehörig? Fühlen sie sich zuhause an dem Ort, an dem sie heute leben? Wie schätzen die Frauen ihr Selbstwertgefühl ein? Anhand von Zeit-Tagebüchern dokumentierten einige der Frauen ihren Alltag, um diese Fragen beantworten zu können.

Auch ein junger Filmemacher war mehrmals vor Ort, um das Geschehen mit der Kamera zu begleiten. Die Aussagen der Frauen werden außerdem durch Einzelinterviews mit mehreren Expertinnen und Experten des zivilen und des staatlichen Sektors in Bosnien-Herzegowina und in Deutschland ergänzt, die im Laufe der 25 Jahre unsere Arbeit begleiteten.

Was wir erreicht haben

„Ich arbeite seit 1995 in der Nähstube. In den vergangenen Jahren sind viele Frauen in das Projekthaus gekommen. Heute höre ich, dass manche von den Frauen, die damals bei mir im Kurs waren, heute erfolgreich sind und selbst Geschäfte eröffnet haben“, erzählt uns eine Projektteilnehmerin bei einem Evaluationstreffen. „Sie sind stark, fähig und selbstständig. Wenn ich nicht zu AMICA gekommen wäre, wer weiß, was mit mir passiert wäre.“

Eine andere Teilnehmerin erzählt, bei AMICA habe sie gelernt „mit schwierigen und traurigen Dingen“ in ihrem Leben umzugehen. Die Aussagen der Teilnehmerinnen zeichnen bereits ein Bild, das unseren Beitrag zum Aufbau nachhaltiger, gemeindeorientierter Unterstützungsstrukturen für Frauen und Mädchen in Bosnien-Herzegowina verdeutlicht. Unsere Arbeit hat sich mit der Zeit an die sich wandelnden externen Umstände und Bedürfnisse der Frauen und Mädchen vor Ort angepasst – so lag der Schwerpunkt in den ersten Jahren auf humanitärer Nothilfe. In der weiteren Zusammenarbeit mit unseren Partnerinnen vor Ort konzentrierten sich Projekte vermehrt auch auf Wiederaufbau und wirtschaftliche Stärkung sowie auf den Bereich Lobby- und Advocacyarbeit. In diesem Jahr starten wir unser neues Projekt in Bosnien-Herzegowina, das sich dem Zeuginnenschutz widmet.

Das gesammelte Material, inklusive Fragebögen, Zeittagebücher und Interviews, wird nun ausgewertet und verschriftlicht. An unserem internationalen Fachtag am 29. September 2018 wurden erste Ergebnisse präsentiert. Aktuell arbeiten wir an der Veröffentlichung der Ergebnisse.

Das Projekt wird finanziell gefördert durch Renovabis, die Apfelbaum Stiftung und die Peter-Dornier-Stiftung

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