seit 1993 in Bosnien und Herzegowina

Gerechtigkeit ist ein wichtiger Meilenstein für die kollektive und individuelle Vergangenheitsbewältigung. Nur so wird den Überlebenden sexualisierter Kriegsgewalt und der Gesellschaft die Möglichkeit gegeben, gestärkt in die Zukunft zu blicken.

Der Kampf um Gerechtigkeit

Schutz und Sicherheit für Überlebende von sexualisierter Kriegsgewalt

Im Bosnienkrieg (1992-1995) wurde sexualisierte Gewalt als strategisches Mittel der Kriegsführung eingesetzt. Schätzungen gehen von 20.000 – 50.000 betroffenen Frauen aus, die Vergewaltigungen und Folter erlebt haben. Bis heute fehlen der gesellschaftliche und politische Wille, diese Verbrechen tatsächlich aufzuarbeiten und strafrechtlich zu verfolgen. Mehr als 5.000 bekannte Täter sexualisierter Kriegsgewalt sind derzeit auf freiem Fuß. Weniger als 150 Fälle sexualisierter Kriegsgewalt sind gerichtlich abgeschlossen worden. Der Zeug*innenschutz während der Gerichtsverfahren ist unzureichend, Prozesskostenhilfe und psychologische Unterstützung fehlen. Bis heute sind viele Überlebende von Kriegsgewalt zudem von Armut betroffen oder bedroht, insbesondere jene, die während des Kriegs aus den ländlichen Regionen flüchten mussten und erst vor einigen Jahren in ihre Dörfer zurückkehren konnten.

» Unser Projekt

Gegen Retraumatisierung, Bedrohung und ökonomische Perspektivlosigkeit

Überlebende der Kriegsgewalt in Bosnien-Herzegowina sind häufig stigmatisiert, werden bedroht und erleben soziale Ausgrenzung. Diejenigen, die dennoch den Mut aufbringen, als Zeuginnen vor Gericht auszusagen, werden in den Gerichtsverfahren diskriminiert und von den Justizbehörden nicht ausreichend vor Angriffen geschützt. Psychologische Begleitung der Frauen und eine ausreichende Sensibilisierung der Behörden fehlen. Das alles kann zu Re-traumatisierungen der Frauen führen.
In einem zusätzlichen Zivilverfahren müssen die Frauen darüber hinaus das Recht auf Entschädigung gegenüber dem Täter einklagen und dadurch ihre geschützte Identität aufheben. Viele nehmen diese Entschädigungsleistung daher nicht in Anspruch aus Angst, bedroht zu werden. Da der Staat bisher keinen Entschädigungsfond aufgebaut hat, erhalten die meisten Frauen selbst dann kein Geld, wenn sie klagen, weil viele Täter mittellos sind. Das Recht der Frauen auf Gerechtigkeit und soziale wie ökonomische Perspektiven wird so wieder und wieder verwehrt. Dies betrifft insbesondere die vielen von Kriegsgewalt betroffenen Frauen im ländlichen Raum, wo Verdienstmöglichkeiten und Unterstützungsstrukturen fehlen.

 

Unser Ansatz zum Zeuginnenschutz

Zusammen mit unseren Partnerinnen in Bosnien-Herzegowina arbeiten wir u.a. in der ländlichen Region Prozor-Rama daran, dass Überlebende für ihre Rechte und die Anerkennung ihres erlittenen Unrechts kämpfen können. Unsere Aktivitäten umfassen:

  • zivilgesellschaftliche Lobby-und Advocacy-Arbeit bei Justizbehörden, um die Bedingungen für Gewaltopfer zu verbessern
  • mobile Rechtsberatung, um auch in ländlichen versorgungsschwachen Gebieten Frauen über Rechte aufzuklären und in der Durchsetzung ihrer Rechtsansprüche zu unterstützen
  • psychosoziale Prozessbegleitung vor, während und nach dem Prozess
  • mobile Sozial-und Gemeinwesensarbeit mit therapeutischen Gesprächsgruppen in geschützten Räumen
  • ökonomisches Empowerment durch den Aufbau einer Landfrauenkooperative
  • Sensibilisierung der Kommunalverwaltung zur Verbesserung der Infrastruktur (z.B. Asphaltierung der Straßen, Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr) im ländlichen Raum

 

Was wir erreichen:

  • einheitliche Schutzmechanismen für Zeug*innen in Gerichtsverfahren und kompetente Durchsetzung von Entschädigungsverfahren
  • Sensibilisierung der Justizbehörden für die Anliegen gewaltbetroffener Frauen
  • Aufklärung gewaltbetroffener Frauen über ihre Rechte
  • Sozioökonomische Absicherung, Selbstbestimmung und Teilhabe durch die Ermöglichung eines stabilen Einkommens und Anbindung der Agrarkooperative an regionale Betriebe.
  • nachhaltige Dorfentwicklung und Schaffung eines integrativen sozialen Umfelds mit aktiver Teilhabe der Frauen im ländlichen Raum

 

Gerechtigkeit braucht mehr als die Verurteilung von Straftätern

Kriegsverbrecherprozesse sind wichtig für die Aufarbeitung der Vergangenheit und das Zusammenwachsen einer zerbrochenen Gesellschaft: Sie können helfen, Wunden zu heilen und tragen zu Versöhnungs- und Wiederaufbauprozessen bei. Es geht aber nicht nur darum, die Anzahl der verurteilten Täter zu erhöhen. Vielmehr leistet unser Projekt einen Beitrag dazu, den Schutz von potentiellen Zeug*innen zu gewährleisten und sie psychosozial zu begleiten. Darüber hinaus werden die Frauen mit wirtschaftlichem Empowerment und nachhaltiger Dorfentwicklung auf diesem langen Weg gestärkt. Durch ihre aktive gesellschaftliche und ökonomische Teilhabe sowie die Aufklärungs-und Sensibilisierungsarbeit im ländlichen Raum können sie sich aus der sozialen Isolation befreien. Nur mit einem solchen ganzheitlichen Ansatz, der auch soziale Gerechtigkeit einfordert und auf strukturelle Veränderungen im Justizwesen abzielt, werden die Rechte der Frauen tatsächlich durchgesetzt.
Bislang wird diese Arbeit ausschließlich von zivilen Organisationen geleistet. In einem neuen Projekt werden wir daher unseren Ansatz weiterführen und einen Schwerpunkt auf die Schulung und Sensibilisierung der Institutionen und Justizbeamten legen.
 


Das Projekt wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der Baden-Württemberg-Stiftung und der Annemarie Grosch Stiftung gefördert sowie durch Spenden an AMICA e.V. unterstützt.

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