Srebrenica 1995 - 2020
"Denn ihr seid nicht allein"

Das Massaker von Srebrenica

Die Vergangenheit, die nicht vergeht

 

Srebrenica – 11. Juli 1995. Die Armee der bosnischen Serben und serbische paramilitärische Truppen intensivieren ihren Angriff auf Srebrenica und ziehen nach einer Woche Kampf in die ostbosnische Stadt ein. In wenigen Tagen werden mehr als 8.000 Bosniaken ermordet, unter der Führung von Ratko Mladić (Armeeführer) und Radovan Karadžić (Präsident der Republika Srpska). (» mehr zum historischen Hintergund) Männer und Jungen ab 13 Jahren werden systematisch zusammengetrieben und erschossen. Viele Frauen fallen sexualisierter Kriegsgewalt und Vergewaltigungen zum Opfer. 7.000 Menschen, meist Frauen und Kinder, fliehen vor dem Massaker nach Tuzla – die Stadt, in der AMICA seit Anfang des Krieges aktiv ist. (» mehr zu AMICAs Geschichte).

25 Jahre später ist der Genozid von Srebrenica immer noch eine offene Wunde für die Überlebenden – und ein sehr dunkles Kapitel der europäischen und internationalen Politik. Srebrenica wurde 1993 als Schutzzone durch den UN-Sicherheitsrat eingerichtet und war der Zufluchtsort vieler Männer und Frauen, die vor dem Konflikt aus ihren Heimatdörfern geflohen sind. Im Juli 1995 wird die UN-Enklave zu einer Falle für alle bosnischen Geflüchteten und Einheimischen. Die Weltöffentlichkeit schaut zu, die Soldaten der Vereinten Nationen leisten keine Gegenwehr. Die Hilfsorganisationen in Tuzla reagieren ad hoc auf die humanitäre Katastrophe und koordinieren die ersten Hilfsmaßnahmen für die Geflüchteten – AMICA ist eine davon und ihr Projekthaus steht wieder vor großen Herausforderungen.

 

Allein bis zum Abend des 3. Juli kamen 7.000 Menschen auf dem Flughafen Tuzla an, auf dem die ersten Notunterkünfte eingerichtet worden waren:

Die Flüchtlinge sitzen dort den ganzen Tag in der heißen Sonne, müssen warten, was mit ihnen geschieht… Es wird ein riesiges Problem sein, all diese Menschen menschenwürdig unterzubringen und sie auf Dauer zu versorgen. Schon zuvor war Tuzla überfüllt, jetzt wird es noch enger.

Auszug aus dem AMICA-Rundbrief 2/1995

 

Nicht zu vergessen ist unsere Aufgabe

Der 11. Juli ist nicht nur ein Gedenktag an die systematisch ermordeten Männer und Jungen, sondern auch an alle Gewaltüberlebenden wie die vielen Frauen und Kinder, die diese Bürde ihr ganzes Leben lang verarbeiten und gleichzeitig Wege der Versöhnung einschlagen müssen. Wir stehen seit 25 Jahren an ihrer Seite und setzen uns aktiv mit ihnen ein, für ihr Recht auf Gerechtigkeit und auf ein selbstbestimmtes Leben. ( » mehr zu unserem Projekt).

Es ist heute unsere Aufgabe, nicht wegzuschauen, nicht zu vergessen. Zum 25. Jahrestag des Genozids haben wir Zeitzeugenberichte aus unserem Archiv zusammengestellt und unserer Kollegin Sandra Takács, Referentin für Bosnien und Herzegowina, ein paar Fragen gestellt.

#everydaysrebrenica | 12 Frauen aus Srebrenica erzählen mit Handy-Fotos ihr persönliches Leben im heutigen und damaligen Bosnien. Alle waren im Krieg oder kurz danach an AMICA-Projekten beteiligt. Das Fotoprojekt, gestartet 2000 durch die Fotografin Barbara Hartmann Tumba, dauert heute noch an und ist online und über Instagram zu sehen.


Mirsada A. (2000). Geboren am 30. März 1972 in Zvornik. Mirsada lebte bis 1995 mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Srebrenica. Ihr Mann gilt seit dem Fall Srebrenicas als vermisst. Seit Juli 1995 lebt sie mit ihrer Tochter in Tuzla. Im Herbst 2000 hat sie wieder geheiratet. © www.srebrenica-frauen.org


“Dies ist der Ort, an dem ich meinen Mann Nijazija am 13. Juli 1995 um 14:30 das letzte Mal gesehen habe… Gefangen von Truppen der bosnischen Serben.” © www.srebrenica-frauen.org


“Ich möchte nur eines über die Menschen auf diesem Bild sagen: Solche Soldaten haben die Schutzzone von Srebrenica aufgegeben. Sie jagen mir noch immer Angst ein.” © www.srebrenica-frauen.org

» 4 Fragen an Sandra Takács, AMICA-Referentin für Bosnien und Herzegowina

“Wir wollen ihnen sagen, wie vor 25 Jahren: Ihr seid nicht allein”

Nach der Einnahme von Srebrenica sind tausende Menschen auf der Flucht vor Massakern, Vergewaltigung und Deportation. In Tuzla, wo viele Zuflucht suchen, haben lokale Fachkräfte und Helfer*innen aus Freiburg ein Schutzhaus und Beratungszentrum aufgebaut – aus dieser Kooperation entstanden zwei professionelle Organisationen: Prijateljice in Tuzla und AMICA in Deutschland.

Im Projekthaus „AMICA“ in Tuzla entstand durch die neu hinzukommenden Geflüchteten aus Srebrenica eine besondere Situation. Was waren die Herausforderungen für das Team vor Ort, wie haben sie auf die neue Katastrophe reagiert?

Die geflüchteten Menschen erreichten Tuzla oft schwer verletzt und hochgradig traumatisiert. Vor allem Frauen und Kinder haben bei der Vertreibung, aber auch auf der Flucht, massive Gewalterfahrungen gemacht. Im AMICA-Projekthaus wurden neben medizinischer und psychologischer Akuthilfe auch Nachsorgegruppen mit Beschäftigungs- und Betreuungsangeboten für Kinder und Jugendliche angeboten. Über die Hilfe im Zentrum hinaus waren mobile Teams unterwegs und suchten Frauen und Kinder im Umland und in den Notunterkünften auf. Daraus entstanden dann sogenannte AMICA-Stadtteilklubs als dezentrale Anlaufstellen, die mehr und mehr von den Menschen vor Ort verantwortet wurden. Mit Blick auf die materielle Stabilisierung wurden existenzsichernde Maßnahmen ergänzt.

Vom Anfang an war die Situation in Bosnien sehr unübersichtlich. Zahlreiche große und kleine Hilfsorganisationen und Gruppen waren vor Ort, arbeiteten teilweise zusammen, konkurrierten an vielen Stellen aber auch um Infrastruktur, Gelder und tatsächlich auch um Zielgruppen. In den Wirren des Krieges gab es keine Planungssicherheit – alles musste ad hoc passieren. Angesichts des großen Leides vor Ort waren die Hilfsmaßnahmen vorerst nur ein Tropfen auf den heißen Stein – besonders für engagierte Helfer*innen ein kaum (er)tragbarer Zustand. Viele traumatische Erlebnisse blieben unverarbeitet, viele Menschen gingen weit über ihre Kräfte hinaus. Die Menschen einte ein Klima von Schrecken und Entsetzen.

Viele Frauen im AMICA-Projekthaus waren direkt oder indirekt vom Massaker in Srebrenica betroffen. Wie haben sie diese schwierige Zeit erlebt und welche Unterstützung wurde angeboten?

Viele Frauen, die nach Tuzla gezogen sind, waren alleinerziehend, weil ihre Männer tot waren oder als “vermisst” galten. Ein großer Teil hatte noch nahe Verwandte in den besetzten oder eingeschlossen Städten. Sie wohnten in abgelegenen Flüchtlingsunterkünften unter sehr schwierigen Bedingungen und materieller Entbehrung. Einige hatten in ihren Heimatorten Gewalt und Folter u.a. in dafür angelegten Internierungslagern erlebt. Manche stammten aus Srebrenica, andere kamen aus Zvornik, Bratunac, Vlasenica oder Bijeljina und flohen schon zum zweiten oder dritten Mal. Alle Frauen zeigten eine Vielzahl von Symptomen psychischer Traumata, die bis heute ihr Leben negativ beeinflussen.

Das Team hat sehr schnell mit Nothilfe reagiert: Kleidung und Lebensmittel wurden verteilt, im Projekthaus wurde sogar Kleidung genäht. Mit den sogenannten „Clubs der Freundinnen“ organisierten sich Frauen auf lokaler Ebene miteinander und unterstützen sich gegenseitig bei der Bewältigung ihres schweren Alltags. Hier begegneten sich Frauen trotz der omnipräsenten ethnischen Trennungen. Die solidarischen Netzwerke der Frauen setzten aktiv auf Vertrauen und Versöhnung. So bildete sich eine Kontaktgruppe zwischen ehemaligen und heutigen Einwohner*innen von Srebrenica. Seit dem Jahr 2000 werden 12 dieser Frauen durch das Fotoprojekt ―Unsere Sicht― von Fotografin Barbara Hartmann Tumba begleitet (#everydaysrebrenica).

Ratko Mladić wurde im November 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt. Radovan Karadžić erst im März 2019. Die Strafverfolgung der Kriegsverbrechen geht nur schleppend voran. Wie geht Bosnien mit seiner Vergangenheit um?

In der Gesellschaft herrscht Stille was die Vergangenheitsaufarbeitung betrifft. Bereits die Nachkriegsgeneration weiß kaum noch über die Vergangenheit Bescheid. Das Land hadert mit Rechtsstaatlichkeit, das Justizsystem ist dysfunktional und ineffizient. Das betrifft insbesondere die Strafverfolgungsarbeit. Der enorme Rückstau unbearbeiteter Fälle verhindert die Verurteilung von mindestens 4.500 (Balkan Investigative Reporting Network (BIRN 2019) bekannten Kriegsverbrechern. Bisher wurden in bosnischen Gerichten nur 116 Fälle (OSCE 2017) sexualisierter Kriegsgewalt abgeschlossen. Angesichts von 20.000 bis 50.000 vergewaltigten Frauen sind das enttäuschende Ergebnisse.

Wie wichtig sind Strafverfolgung und Aufarbeitung der Vergangenheit für Überlebende von Kriegsgewalt, insbesondere für die Frauen?

Kriegsverbrecherprozesse sind wichtig zur Versöhnung und Gerechtigkeit. Nur so wird den Überlebenden und der Gesellschaft die Möglichkeit gegeben, gestärkt in die Zukunft zu blicken. Solange die Vergangenheit nicht aufgearbeitet ist, solange der Genozid nicht vollständig anerkannt ist, gibt es keine Versöhnung – weder individuell noch kollektiv.

Unter den Frauen, die an unserem Projekt beteiligt sind oder waren, sind einige mutige Zeitzeuginnen, die sich gesellschaftlicher Stigmatisierung und dem Schweigen entgegenstellen und die Wahrheit aussprechen. Saja Ćorić war eine dieser Zeitzeuginnen, jahrelang hat sie gegen die Straflosigkeit gekämpft. Für uns war sie eine sehr wichtige Mitstreiterin und ein großes Vorbild.

Leider können nur sehr wenige Frauen diesen Weg bis zum Gerichtshof gehen. Denn Prozesse gegen Kriegsverbrecher sind extrem belastend für die Überlebenden – sowohl finanziell als auch persönlich. Nicht selten werden die Frauen dabei retraumatisiert. Sie sind auf sich allein gestellt, werden für ihre Aussage lebenslang attackiert und bedroht, und am Ende bleibt der Täter oft unbestraft.

Mit unseren Projektpartnerinnen in Sarajevo unterstützen wir Frauen, die aussagen wollen, mit rechtlicher Beratung aber auch psychosozialer Arbeit und wirtschaftlichem Empowerment. Mit diesem ganzheitlichen Ansatz wollen wir potentielle Augenzeug*innen langfristig begleiten und ihnen sagen, wie vor 25 Jahren: „Ihr seid nicht allein“.

Am schlimmsten ist es, wenn ich nachts im Bett liege. Während ich dort liege, denke ich darüber nach, wie – wenn, Gott bewahre – wie ich mit den Kindern da rauskommen würde, wo ich vielleicht fliehen könnte, aus diesem Fenster, aus jenem Fenster. Irgendwie bin ich auf die Idee gekommen, dass der beste Platz zum Verstecken unter den Stufen wäre… ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich dort am sichersten wäre.

Dženana war am AMICA-Projekt beteiligt. Sie verbrachte die Jahre des Krieges im belagerten Srebrenica: unter ständigen Artillerieangriffen und Scharfschützenfeuer. Noch heute fürchtet sie sich vor Scharfschützen, wenn sie durch die Gebiete um ihr Dorf herum fährt. Die Ängste folgen ihr auch Zuhause.

#everydaysrebrenica | 12 Frauen aus Srebrenica erzählen mit Handy-Fotos ihr persönliches Leben im heutigen und damaligen Bosnien. Alle waren im Krieg oder kurz danach an AMICA-Projekten beteiligt. Das Fotoprojekt, gestartet 2000 durch die Fotografin Barbara Hartmann Tumba, dauert heute noch an und ist online und über Instagram zu sehen.


Timka S. (2000). Geboren am 20.08.1952 in Srebrenica. Ihre Tochter und ihr Mann starben im Krieg. Ihr Mann bekam vor Kriegsbeginn Herzprobleme und starb bald daran. Ihre Tochter starb im Krieg, nachdem sie verwundet worden war. Sie arbeitete als Krankenschwester im Krieg. Timka lebt zusammen mit ihrem Sohn, ihrer Schwiegertochter und dem Enkelsohn im neu gebauten Haus in Tuzla. Ihre Wohnung in Srebrenica hat sie verkauft, weil niemand mit ihr nach Srebrenica zurück gegangen wäre. Alle überlebenden Verwandten leben im Ausland. Timka hat sich aber ein Grundstück für ein Wochenendhaus in Srebrenica gekauft. © www.srebrenica-frauen.org


““In dieser Fabrik hat mein Mann bis 1991 gearbeitet. Im Krieg, beim Fall Srebrenicas, musste ich dort eine Nacht verbringen. Ich werde sie nie vergessen, sie erschien mir so lang wie ein Jahr… das Schreien und Weinen von tausenden Frauen und Kindern… traurige Erinnerungen an Potocari, Juli 1995. [Es handelt sich um die Fabrik neben dem UN-Camp. Gut 30.000 Menschen suchten hier Schutz, in einigen Fällen bis zu fünf Tage, bevor sie evakuiert wurden. Sehr alte und junge Männer – in Alter bis 14 – wurden von den bosnischen Serben “aussortiert”. Sie gelten heute noch als vermisst.] © www.srebrenica-frauen.org


“Diese Frauen sind aus dem AMICA-Stadtteil.- Club ‘Solina’. Wir treffen uns regelmäßig, um über Vieles zu sprechen. Es sind meine Freundinnen. Wir lernen viel über Menschenrechte, Demokratie, Wirtschaft und wie man bürokratische Probleme löst, zum Beispiel die Registrierung im serbischen Teil Bosniens, wo wir ja herkommen.” © www.srebrenica-frauen.org

» Archiv: AMICA-Rundbrief 2/1995

Die Tage nach Srebrenica. “Denn ihr seid nicht alleine”

Im November 1995 erschien der zweite Rundbrief von AMICA. Die 6-seitige Broschüre enthält wertvolle Zeitzeugenberichte zu der Zeit nach dem Massaker in Srebrenica und zu den Anfangsjahren von AMICA. Lesen Sie rein!

 

Fast niemand, der nicht auf jemand wartet. Fast niemand, der nicht einen Toten zu beklagen hat. Aber die Menschen, auf die man noch wartet, kann man nicht begraben, man kann nicht mit einem Trauerprozess anfangen, die Spannung ist fast unerträglich.
Tuzla, 30.07.1995

 


» Lesetipps

Srebrenica – Erinnerungen für die Zukunft, Heinrich Böll Stiftung, Juli 2020

Vor 25 Jahren: Das Massaker von Srebrenica, Bundeszentrale für politische Bildung, 9. Juli 2020

Unsere Sicht – 12 Frauen aus Srebrenica, Fotoprojekt in Kooperation mit AMICA und Prijateljice (Tuzla, Bosnien-Herzegovina)

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