Frauen auf der Flucht

Foto: Raphael Schumacher

Kriege, bewaffnete Konflikte, politische Verfolgung, Hungersnot, Armut und Naturkatastrophen – die Fluchtursachen in unserer gegenwärtigen Welt der multiplen Krisen sind vielfältig. Millionen von Menschen werden aus ihrer Heimat vertrieben. Frauen und Mädchen bleiben in den zahlreichen Statistiken über Migration häufig unsichtbar, sie wagen aber aus ähnlichen Gründen wie Männer die Flucht. Aufgrund ihres Geschlechts erfahren sie darüber hinaus spezifische Gewaltformen, vor und auf der Flucht.

Frauen auf der Flucht tragen eine mehrfache Last: Sie sind Diskriminierung, geschlechtsspezifischer Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt – in ihren Herkunftsländern, auf den Fluchtrouten und an Europas Grenzen. Diese Gewalt ist die Folge politischer Entscheidungen und patriarchaler Strukturen. Geflüchtete Frauen brauchen Schutz, sichere Anlaufstellen und eine menschenrechtsbasierte Migrationspolitik, die ihre Selbstbestimmung in den Mittelpunkt stellt.

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» Hintergrund

Geschlechtsspezifische Gewalt als Fluchtursache

In Zeiten von Krisen oder Konflikten tritt Gewalt gegen Frauen besonders massiv auf: Krieg, Militarisierung, Perspektivlosigkeit, der Zusammenbruch staatlicher Strukturen, rechtsfreie Räume, wenig finanzielle Ressourcen und schwache Sozialsysteme – all diese Faktoren schaffen ein Klima, in dem Gewalt gegen Frauen zunimmt. Frauen erleben daher in Krisenkontexten vielfache Formen geschlechtsspezifischer Gewalt: häusliche Gewalt, Ausbeutung, Zwangsheirat, weibliche Genitalverstümmelung, Zwangsprostitution und sexualisierte Kriegsgewalt. Diese spezifische Gewalt kann der Grund sein, wieso Frauen und Mädchen fliehen müssen. | Foto: Sama Beydoun

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Frauen auf der Flucht: Was erleben sie?

ca. 50%
Die Hälfte aller Menschen auf der Flucht weltweit sind Frauen und Mädchen. Ihre spezifische Bedürfnisse, was z.B. Sicherheit oder Gesundheit angeht, werden aber in Geflüchteten-Unterkunft häufig nicht berücksichtigt.

Quelle: UNHCR 2026

Alleinstehend
Frauen verlassen ihre Heimat meist allein mit den Kindern und älteren Familienangehörigen, weil ihre Ehemänner, Väter oder Brüder getötet, gefangengenommen oder als Rebellen oder Soldaten eingezogen wurden.

Quelle:UNHCR 2026

Menschenhandel
Auf der Flucht oder in Geflüchteten-Unterkünften werden viele Frauen Opfer von Menschenhandel, sei es für sexuelle Ausbeutung oder Zwangsarbeit. 70 % aller Opfer von Menschenhandel sind Frauen und Mädchen.

Quelle: UNHCR 2026

Gewalt gegen Frauen auf der Flucht

Die genderspezifischen Risiken enden nicht, wenn Frauen ihr Herkunftsland verlassen. Oft erfahren sie auf der Flucht weitere Gewalt und Ausbeutung. Fluchtrouten etwa sind zu großen Teilen für geflüchtete Menschen rechtsfreie Räume. Frauen werden auf der Flucht in extremer Not und Abhängigkeit sexuell ausgebeutet, etwa durch Schleuser, Beamte, Soldaten an Check-Points, Laden- oder Grundstückbesitzer. Sie sind aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage häufiger gezwungen, Schulden bei Schleusern zu machen, was in Zwangsprostitution und Menschenhandel münden kann. 70 % aller Opfer von Menschenhandel sind Frauen und Mädchen. Wirtschaftliche Not führt auch zu vermehrten Zwangsverheiratungen von Frauen und minderjährigen Mädchen.

In Geflüchteten-Lagern angekommen, gibt es kaum Privatsphäre und geschützte Orte, die nur für Frauen zugänglich sind. Abgelegene sanitäre Anlagen, die nicht nach Geschlechtern getrennt sind, fehlende getrennte Schlafräume und lange, unbeleuchtete Wege, zum Beispiel zu Wasserstellen, erhöhen die Risiken sexualisierter Übergriffe. Es gibt keine oder wenige Anlaufstellen, die sich der spezifischen Bedarfe von Frauen annehmen, sie traumasensibel beraten und unterstützen.

Auch die genderspezifische Gesundheitsversorgung ist auf den Fluchtrouten und in den Geflüchteten-Camps unzureichend: Perioden- und Hygieneprodukte (sog. Periodenarmut) sowie Verhütungsmittel stehen häufig nicht zur Verfügung. Schwangere Frauen erhalten oft keine adäquate Begleitung und Versorgung. Insbesondere schwangere Frauen und Frauen mit kleinen Kindern sind auf und nach der Flucht zutiefst physisch und psychisch erschöpft.

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„Ungewollte Schwanger­schaften werden tabuisiert“

Interview mit Cornelia Grothe zu Frauen in Konflikt­regionen
iz3w, Heft 410, August 2025

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„Das Angebot ist sehr begrenzt“

Interview mit Yasar Alameen über Gesundheitspflege in Libyen
iz3w, Heft 410, August 2025

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»Europas Abschottungspolitik

Die Auswirkungen für die Frauen auf der Flucht

Die europäische Politik der Abschottung, die sich u.a. in Pushbacks auf dem Meer, unterlassener Seenotrettung, Abkommen mit nicht-demokratischen Drittstaaten und Lagerpolitik manifestiert, verschärft die Risiken für Frauen auf der Flucht erheblich. Anstatt Schutz zu gewährleisten, zwingt sie viele dazu, die lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer wagen. Der Mangel an sicheren und legalen Zugangswegen erhöht für Frauen die Abhängigkeit von Schleusern, begünstigt Ausbeutung und sexualisierte Gewalt. | Foto: Pietro Bertora

Für eine feministische Migrationspolitik: Geflüchtete Frauen stärken

Frauen sind entlang der Fluchtrouten und in Aufnahmestrukturen unverhältnismäßig häufig geschlechtsspezifischer Gewalt, Ausbeutung und Entrechtung ausgesetzt. Doch dieser Blick auf Frauen auf der Flucht ist verengt: Viel zu oft bleibt verborgen, dass sie zugleich diejenigen sind, die unter widrigsten Umständen ein Großteil der unsichtbaren und unbezahlten Care-Arbeit leisten und ihr Leben, das ihrer Familien sowie der Gesellschaft aktiv gestalten.

Geflüchtete Frauen brauchen keine Bevormundung, sondern konsequenten Schutz ihrer Rechte, sichere Räume und verlässliche Strukturen, die ihre Stimmen ins Zentrum stellen. Sie brauchen Zugänge zu Beratung, Bildung, Gesundheitsversorgung und politischer Teilhabe – und die Möglichkeit, selbstbestimmt über ihr Leben zu entscheiden.

Dafür treten wir ein. Gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen, mit denen wir sichere Anlaufstellen und Unterstützung bieten – zum Beispiel im Libanon für geflüchtete Frauen aus Syrien oder in Ägypten für geflüchtete Frauen aus dem Sudan. Nicht zuletzt fordern wir aber auch mit Nachdruck von der europäischen Migrationspolitik: Sie muss feministisch, menschenrechtsbasiert und verbindlich geschlechtergerecht gestaltet werden.

Es ist wichtig, das Bewusstsein für Fragen der psychischen Gesundheit bei den Geflüchteten zu schärfen. Sie haben Furchtbares erlebt. Gerade Frauen verstummen oft angesichts der gesellschaftlichen Stigmatisierung. Wir müssen diese Tabus brechen und sie ermutigen, Hilfe anzunehmen. Wir möchten, dass die Frauen ihr Leben selbst in die Hand nehmen können und widerstandsfähig werden.
Mai Shatta, Gründerin der AMICA-Partnerorganisation Bana Group for Peace and Develop

 

» Mehr zum Thema

Women and Borders in the Mediterranean, Camille Schmoll, IEMed, Mai 2025

Grenzen der (Un)Menschlichkeit, SOS Humanity, April 2025

Frauen auf der Flucht: Wer sie sind und was sie erlebt haben, Tina Ackermann, 2022, Rotpunktverlag

Frauen und Flucht: Vulnerabilität – Empowerment – Teilhabe, Heinrich Böll Stiftung, März 2018

 


Frauen auf der Flucht: Was wir machen

Libanon/Syrien

Women empowerment programm


Foto: Gharsah


In dem Bildungszentrum unserer Partner*innen können Frauen und Mädchen an Trainings und Workshops teilnehmen.

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Ägypten/Sudan

Resilienz-Workshops


Foto: Bana Group


Mit unserer sudanesischen Partner*innen unterstützen wir Frauen, die vor dem Krieg und dem Hinger im Sudan fliehen mussten.

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Mittelmeer

Schutzkonzept für Frauen


Foto: Jana Stallein


AMICA unterstützt den Schutzkonzept für Frauen auf dem Rettungsschiff Humanity 2 von der zivilen Seenotorganisation SOS Humanity.

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