seit 2012 in Libyen

Seit 2012 arbeitet AMICA e.V. in Libyen mit damals neu gegründeten Frauenorganisationen zusammen und trägt zum Aufbau von psychosozialen Anlaufstellen bei. Es sind die ersten und einzigen Beratungszentren in Libyen dieser Art. 2016 wurde unser Projekt mit dem Eine-Welt-Preis Baden-Württemberg der Stiftung Entwicklungszusammenarbeit (SEZ) ausgezeichnet.

Frieden, Chancen und Sicherheit

Rechtsfreier Raum: Libysche Frauen im Bürgerkrieg

Seit dem Sturz des Gaddafi-Regimes 2011 ist Libyen zutiefst gespalten. Unversöhnlicher denn je stehen sich derzeit die Bürgerkriegsparteien gegenüber und kämpfen um die Hauptstadt Tripolis. Die Zivilgesellschaft steht ungeschützt zwischen den Fronten. Auch unsere Partnerorganisationen in Tripolis und Bengasi befinden sich inmitten der Gefechte, ihr Alltag ist geprägt von Unsicherheit und Gewalt. Bankenkrise, Bargeldknappheit und fehlende Infrastruktur erschweren den Alltag zusätzlich und stürzen das Land ins Chaos. Dabei war der arabische Frühling 2011 gerade für Frauen mit großen Hoffnungen verbunden. Sie protestierten in vorderster Reihe gegen das Gaddafi-Regime, für eine gleichberechtigte, gerechte und friedliche Zukunft. «Die Proteste waren wie ein Erdbeben. Wir fühlten uns zum ersten Mal selbstbewusst und brachen aus dem patriarchalischen System aus», sagt Iman Bugaighis, Menschenrechtsaktivistin aus Tripolis. Der Bürgerkrieg beendete die Hoffnungen und drehte die Uhren zurück. Frauen sind die Hauptleidtragenden des Konflikts, Gewalt ist allgegenwärtig. Die andauernde politische und wirtschaftliche Instabilität führt zu einem starken Anstieg geschlechtsbezogener Gewalt– in und außerhalb der Familie. Zudem gefährdet die prekäre Sicherheitslage die Zukunftschancen von Frauen und Mädchen und schränkt ihre Möglichkeiten ein, sich für einen gesellschaftlichen Wandel und Gleichstellung einzusetzen.

Unser Projekt

Der Kampf gegen das Tabuthema geschlechtsspezifische Gewalt

Gewalt gegen Frauen ist in Libyen stark tabuisiert. Deshalb finden die Betroffenen häufig selbst unter ihren Angehörigen niemanden, dem sie sich anvertrauen können. Zu groß ist die Angst vor sozialer Ausgrenzung. Unterstützung von staatlicher Seite fehlt, bestehende Gesetze werden nicht umgesetzt. Zudem kennen viele Frauen ihre Rechte nicht und wissen nicht, wo sie Rat und Hilfe finden.

Aufbau lokaler Unterstützungsstrukturen

Unsere beiden Partnerorganisationen in Tripolis und Bengasi betreiben im Osten und im Westen des Landes psychosoziale Beratungszentren für Frauen. Dort finden die Klientinnen eine sichere Umgebung, in der sie psychologische und rechtliche Beratung in Anspruch nehmen können. Zudem werden Sprach- und Weiterbildungskurse sowie ein Ausbildungsprogramm für Krankenpflegerinnen angeboten. Das schafft zum einen berufliche Perspektiven und ökonomische Unabhängigkeit. Zum anderen tragen diese Kurse zur Akzeptanz der Beratungsstellen in der Bevölkerung bei und ermöglichen Frauen, die Gewalt erfahren, einen niedrigschwelligen Zugang.

 

Die Aktivitäten umfassen:

  • Psychosoziale Beratung von Frauen, die geschlechtsbezogene Gewalt erfahren
  • Help-Line für Notsituationen und Beratungsgespräche
  • Beratungsangebote in Geflüchtetencamps für Frauen der binnenvertriebenen Minderheit der Tawerga, die in der libyschen Gesellschaft zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt sind und für die es in den Notunterkünften kaum sichere Orte oder Schutzvorkehrungen gibt
  • Zertifizierte Sprach-, Computer- und Handyreparaturkurse sowie Schreib-und Lesekurse für Analphabet*innen
  • Zertifiziertes Ausbildungsprogram für Krankenpflegerinnen
  • Schulungen für Multiplikator*innen aus der libyschen Zivilgesellschaft (u.a. Schulsozialarbeiter*innen, Lehrer*innen, medizinisches Personal) zum Thema Gewalt gegen Frauen, Gewaltprävention und De-radikalisierung
  • Kampagnen und Sensibilisierungsmaßnahmen zum Thema Gender und Gewalt
  • Trainings-und Weiterbildungsangebote für unsere Partnerinnen: u.a. Weiterbildung der Sozialarbeiter*innen, Teambuilding, Organisationsentwicklung, Strategieplanung, PR/Kommunikationsstrategie, Selbstfürsorge
  • Lobby-und Advocacy-Arbeit zum Thema Gender und Gewalt auf nationaler und internationaler Ebene

 

Was wir zusammen erreichen:

Das sensible und behutsame Vorgehen der Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen führt dazu, dass immer mehr Frauen Vertrauen fassen und gezielt nach Unterstützung fragen, auch Frauen, die Gewalt erfahren haben – ein großer Erfolg in einem Land, in dem dieses Thema ein großes Tabu ist.

  • Entwicklung junger Frauenorganisationen zu stabilen, unabhängigen und gut vernetzten Institutionen, die Frauen und Mädchen dringend benötigte Schutzräume und Beratungsmöglichkeiten bieten
  • Abbau von Vorbehalten und Ängsten gegenüber psychologischen Einrichtungen
  • Ökonomische und berufliche Perspektiven für Frauen
  • Aufklärung und Sensibilisierung der Gesellschaft für die Folgen geschlechtsbezogener Gewalt
  • Beitrag zur Gleichstellung von Frauen und zur friedlichen Transformation des Landes
  • Vernetzung zwischen den Partnerorganisationen

 

Stärkung zivilgesellschaftlicher Organisationen

Unter Gaddafi gab es weder unabhängige zivilgesellschaftliche Strukturen, noch waren Nichtregierungsorganisationen erlaubt. Unsere Partnerorganisationen nehmen daher zentrale Aufgaben einer sich neu formierenden und unabhängigen Zivilgesellschaft wahr – unter schwierigsten Bedingungen und ständig bedroht. Das Projekt setzt aus diesem Grund einen Schwerpunkt auf die Stärkung der Kapazitäten und Ressourcen unserer Partnerorganisationen: Zum einen unterstützen wir sie dabei, Wissen und Strukturen aufzubauen, die in Libyen nicht zugänglich sind. Zum anderen bieten wir Trainings, Teamcoaching und Supervisionen für Selbstfürsorge, Stressmanagement und zur Stärkung der eigenen Ressourcen an. Durch regelmäßige Beratungen und Trainings unterstützen wir unsere Partnerinnen dabei, die vielen neuen Aufgaben, immensen Herausforderungen und Belastungen zu bewältigen, die mit der Frauenrechtsarbeit inmitten des Bürgerkriegs einhergehen. Die Partnerorganisationen entwickeln sich trotz der andauernden Kämpfe stetig weiter, professionalisieren sich und haben sich als sichere Anlaufstellen für Frauen etabliert. Beide Partnerorganisationen haben sich zudem einen Ruf erarbeitet, der weit über die Grenze ihrer Städte hinausreicht: Sie tragen neben der psycho-sozialen Arbeit zur gesellschaftlichen Aufklärung und Sensibilisierung für frauenpolitische Themen im In-und Ausland bei. Die Unterstützung dieser lokalen Friedensakteurinnen ist wichtiger denn je. Gemeinsam arbeiten wir an der Weiterentwicklung der Frauenorganisationen und am Aufbau der Zivilgesellschaft in Libyen.

Lesetipp: Karin A. Wenger: Libyens Frauen nach der Revolution: «Sie haben ihr Selbstvertrauen verloren» Muammar Ghadhafis Sturz war auch ein Verdienst der Frauen. Doch heute sind die Libyerinnen unterdrückter als vor der Revolution. In: NZZ 27.12.2018.


Das Projekt wird durch Spenden an AMICA e.V. ermöglicht und durch die SKala-Initiative gefördert. SKala ist eine Initiative der Unternehmerin Susanne Klatten in Partnerschaft mit dem gemeinnützigen Analyse- und Beratungshaus PHINEO.

،،كنت اشعر بالضعف انا الان قوية،،

"Ich fühlte mich schwach, jetzt bin ich stark"

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