"Nicht zu resignieren ist für uns alle oberste Pflicht"

Zivilcourage – Empowerment – Solidarität. Drei zentrale Begriffe für die Arbeit von AMICA.

Die Verleihung des Göttinger Friedenspreises fand am 7. März 2020 in der Aula der Georg-August Göttinger Universität statt. In der Rede, die sie bei der Veranstaltung gehalten hat, liefert Dr. Gabriele Michel (Vorstandsmitglied) einen Einblick in unsere Arbeit und unsere Vision. Die komplette Rede können Sie hier lesen und herunterladen. Auf dieser Seite haben wir ein paar Auszüge für Sie ausgewählt.


 

Zivilcourage

Wenn ich von Zivilcourage spreche, ist dies eine Verbeugung vor unseren Partnerinnen. Warum? AMICA, so heißt es in unserem Leitbild, setzt sich ein für Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten. Kriegs- und Krisengebiete, das sagt sich leicht. Für unsere Partnerinnen aber bedeutet diese Formulierung eine Lebensrealität, die wir uns hier, in unserem weitgehend sicheren Alltag, nur schwer vorstellen können. Es bedeutet, dass sie jeden Tag mit den Auswirkungen von Gewalt, sozialer Not und psychischen Traumata in Kontakt sind und bei ihren Einsätzen mitunter selbst in Gefahr geraten. […]

Privilegien spiegeln sich nicht in den Erfahrungen, die man gemacht hat, sondern in den Erfahrungen, die man nicht machen musste und machen muss.” heißt es in Alice Hasters Buch. “Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten.

Genau das wurde mir damals in Libyen bewusst. Es war nicht mehr als eine Ahnung von Bedrohung, die wir erlebt haben – dann brachte uns die Alitalia außer Landes. Doch dieses Erlebnis war für mich eins der eindringlichsten in meiner bisherigen AMICA Zeit. Wenn ich jetzt die Nachrichten lese, frage ich mich jeden Tag, wie sie damit leben können, mit diesem Krieg in Bengasi und Tripolis, Laila, Alisha und Mira, mit denen ich diskutiert, gelacht und Humus gegessen habe.

Wenn unsere Partnerinnen sich für die Unterstützung bedanken, die sie von AMICA bekommen, denke ich daher oft, dass eigentlich wir ihnen danken müssten. Ist es doch ihr Mut, der es uns ermöglicht, uns für das Überleben, die Rechte und die Selbstbestimmung von Frauen einzusetzen in Regionen, in denen wir nicht selbst leben müssen. […]

 

Empowerment

Empowerment. Der englische Terminus ist hier ein Gewinn, weil an die Stelle der Hilfe – in dem Begriff “Hilfe zur Selbsthilfe” – die Power getreten ist. Schon in der Begrifflichkeit werden die Ressourcen hervorgehoben: Verstärkt werden kann nur, was schon da ist: Eigeninitiative, Entschiedenheit, Kräfte und Kreativität.

Anders als die inzwischen über 3500 Mikrofinanzinstitute weltweit, die politisch fragwürdig sind und Frauen mit ihren Kleinkrediten oft in Abhängigkeiten bis hin zum Ruin treiben, unterstützen unsere Projekte die Frauen wirklich in dem, was sie leben, was sie haben und was sie können. So hat AMICA über 15 Jahre hinweg mit größeren Investitionsprojekten von Gewalt betroffene Landfrauen im Kosovo gefördert, die die Herstellung von Ajvar zu ihrem Beruf gemacht haben. In der einzigen von Frauen geführten Agrarfabrik im Kosovo arbeiten inzwischen 43 Frauen Vollzeit, 40 weitere stellen die Paste in Heimarbeit her. Sie bewerben ihr Produkt in den Medien, auf Messen und sind mittlerweile auch in ausländischen Supermärkten und im Onlinehandel vertreten. Das Einkommen, das sie so erzielen, verstärkt die Anerkennung der Frauen in ihren Familien und im Dorf. Zudem ermutigt es sie, im Gespräch mit politischen Vertretern regionale Interessen zu vertreten und Forderungen zu stellen.

 

Solidarität

Ich hätte zum Abschluss gern über Frieden gesprochen. Friedensarbeit im Sinne der UN-Resolution 1325 ist ein zentrales Anliegen von AMICA. Friedensverhandlungen, bei denen Frauen mit am Tisch sitzen, erbringen – wie die Erfahrung zeigt – tragfähigere, länger wirksame Ergebnisse. Doch in der heutigen Welt-Lage über Frieden zu sprechen ist schwierig. Drängen doch sofort unbewältigte Kriege in unser Bewusstsein und die Ohnmacht, unsere schwer zu ertragende Tatenlosigkeit, Wirkungslosigkeit gegenüber diesen Kriegen.

Ich möchte daher über Solidarität nachdenken. Zusammengehörigkeitsgefühl. Füreinander – Einstehen. Solidarität ist der Ausgangspunkt und die Essenz unserer Arbeit. Amica ist nicht aus einer Idee, sondern aus einer praktischen Erfahrung heraus entstanden: Während des Bosnienkriegs fuhren Freiburgerinnen und Freiburger Lastwagen mit Hilfsgütern in die Kriegsgebiete. Aus diesen Einsätzen hat sich AMICA entwickelt. […]

Ein solch beständiges Engagement wird heutzutage gern nachhaltig genannt. Das beschreibt die Wirkung. Die Basis und der Motor dieser kontinuierlichen Zusammenarbeit aber ist Solidarität. Solidarität mit den Anliegen und dem Engagement unserer Partnerinnen. Solidarität mit den Frauen, für die sie sich einsetzen. Solidarität mit allen Frauen, denen Sicherheit, Selbstbestimmtheit und Gleichberechtigung verwehrt wird. Weil das sichere, selbstbestimmte Leben jeder Frau in jedem Land ein Baustein für ein sicheres, selbstbestimmtes, gelingendes Leben von Frauen weltweit ist und das wiederum Voraussetzung für ein gerechtes, solidarisches, friedliches Zusammenleben aller Menschen.

Die Resolution 1325 für “Frauen, Frieden und Sicherheit”wird in diesem Jahr 20 Jahre alt. Sie ist ein Meilenstein der globalen Friedens- und Frauenpolitik. Aber ihre praktische Wirkung ist bis heute bestürzend gering. […]

 

“Den Optimismus im Willen und Handeln entgegensetzen”

The Master`s Tools Will Never Dismantle the Master`s House” heißt ein Essay der schwarzen Menschenrechtsaktivistin Audre Lorde: “Die Werkzeuge des Herrn werden niemals das Haus des Herren niederreißen.” Im deutschen Sprachraum wird ein ähnlicher Gedanke, weniger politisch, weniger kämpferisch, in einem Diktum von Albert Einstein erfasst: “Probleme”, heißt es bei ihm, ” Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.

[…] Nicht zu resignieren ist für uns alle oberste Pflicht. “Dem Pessimismus des Verstandes” wie der italienische Philosoph Antonio Gramsci fordert “immer wieder den Optimismus im Willen und Handeln entgegenzusetzen.” Woher die Kraft nehmen?

“When I dare to be powerful, to use my strength in the service of my vision, then it becomes less and less important whether I`m afraid.”. “Wenn ich es wage, all meine Kräfte in den Dienst meiner Vision zu stellen, wird es unwichtig, ob ich Angst habe.” Der Satz von Audre Lorde könnte, in anderen Sprachen, von jeder unserer Partnerinnen stammen. Sie haben oft Grund zur Angst. Aber ihr Wille, für die Rechte der Frauen und für Frieden in ihrem Land zu kämpfen, ist größer als die Angst. […]

 


Dr. Gabriele Michel, Auszüge aus der Rede zur Verleihung des Göttinger Friedenspreis an AMICA, 7. März 2020. Die komplette Rede können Sie hier herunterladen.

"When I dare to be powerful, to use my strength in the service of my vision, then it becomes less and less important whether I`m afraid."

"Wenn ich es wage, all meine Kräfte in den Dienst meiner Vision zu stellen, wird es unwichtig, ob ich Angst habe." Audre Lorde

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