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Traumabewältigung

berlebende_Zuschnitt.JPGEsira geht immer angekleidet und mit Schuhen ins Bett. So fühlt sie sich nicht ganz so schutzlos, wenn nachts die Miliz kommt, um das Wohnheim zu durchsuchen. Andere Flüchtlinge löschen das Licht die ganze Nacht nicht. Sie hoffen, so die Erinnerungen zu verjagen, die sie immer wieder quälen, sobald es dunkel wird. Erinnerungen an Schüsse, an Schläge und Misshandlungen. Erinnerungen an den Verlust geliebter Menschen. Die Erinnerung an die Todesangst, als das eigene Leben in Gefahr war.

Traumatisierungen entstehen, wenn Menschen in Umstände geraten, die so bedrohlich sind, dass  es keinen Schutz und keine Sicherheit mehr gibt. Der Schrecken setzt sich so nachhaltig im Bewusstsein fest, dass Gefühle von Angst, Ausgeliefertsein und Hilfslosigkeit dauerhaft überwiegen. Die Betroffenen verzweifeln geradezu am erlebten Grauen, die Welt hat ihnen keinerlei Sicherheit und Halt mehr zu bieten.

Viele Flüchtlinge oder Vertriebene leiden an einer Posttraumatischen Belastungsstörung, einhergehend mit Albträumen, Schlaflosigkeit, Depressionen, quälende Panikattacken und Übererregtheit. Die Rate der Selbsttötungen ist deutlich erhöht. Ohne professionelle Hilfe werden die Betroffenen kaum mit ihren Erlebnissen fertig, die Erschütterung prägt oft die nachfolgende Generation. Studien belegen eine deutliche Zunahme von Gewalt in Familien, die im Zusammenhang mit Gewalterfahrungen, Demütigungen und Traumatisierung steht. Das bedeutet: Für die Betroffenen ist der Krieg nach dem offiziellen Ende der Kämpfe noch lange nicht vorbei.

Durch die Ereignisse in Bosnien-Herzegowina rückte zum ersten Mal sexuell motivierte Gewalt als Kriegsstrategie in den Blickpunkt. Während des Kriegs (1992 - 1995) wurden Tausende von Frauen in eigens eingerichtete Lager gebracht und systematisch vergewaltigt. Ziel dieser Kriegsverbrechen war es, sie und ihre Familien zu entwürdigen und psychisch zu zerstören. Wie viele ungewollte Schwangerschaften in dieser Zeit entstanden, ist unbekannt. Auch im Kosovo und in Tschetschenien wurde Vergewaltigung als Kriegsstrategie eingesetzt. Aufgrund der wesentlich patriarchaleren Gesellschaft schweigen die meisten Opfer bis heute, die genauen Zahlen liegen im Dunkeln.

AMICA e.V. begann 1993 mit der Betreuung traumatisierter Frauen im Kriegsgebiet Bosnien-Herzegowina und entwickelte ein Modellprojekt zur psychosozialen Arbeit, um den komplexen und oft schwerwiegenden Problemen der Betroffenen zu begegnen. Heute begleiten unsere Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen jährlich Hunderte von Frauen im Kosovo, in Tschetschenien und Palästina, bieten professionelle Hilfe und Solidarität. Durch aufsuchende Sozialarbeit versuchen sie jene Frauen und Mädchen zu erreichen, die sich aus eigener Kraft keine Hilfe holen können. Das Therapieangebot hilft vielen der Betroffenen, über ihre Erlebnisse zu sprechen, das Vergangene zu verarbeiten und Mut für die Zukunft zu schöpfen.

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